Erste Reitstunde: Ablauf, Ausrüstung & Tipps

Erste Reitstunde: Ablauf, Ausrüstung & Tipps

Vorher: Was du klären solltest, bevor du hinfährst

Ruf vorher an. Klingt banal, spart aber die typischen Anfängerpannen. Diese vier Dinge solltest du wissen:

  • Wann du da sein sollst. Regel: mindestens 30 Minuten vor Unterrichtsbeginn. In vielen Betrieben holst du dein Pferd selbst aus der Box und putzt es – das dauert. Zu spät zu kommen bedeutet, dass jemand anderes deine Arbeit macht und du den wichtigsten Teil verpasst.
  • Ob ein Helm gestellt wird. Die meisten Reitschulen haben Leihhelme für Probestunden. Frag konkret nach, ob und in welchen Größen.
  • Ob es eine Longenstunde oder Gruppenunterricht ist. Für den allerersten Termin sollte es eine Einzel- oder Kleingruppen-Longenstunde sein. Wenn dich ein Betrieb als kompletten Neuling direkt in eine Abteilung mit acht Reitern setzt, ist das ein Warnsignal.
  • Wie lange die Einheit dauert. 30 Minuten an der Longe sind für Anfänger völlig ausreichend und oft sinnvoller als 60. Du wirst merken, warum.

Iss vorher etwas Leichtes. Mit leerem Magen wird vielen bei der Kombination aus Anspannung, Wärme und ungewohnter Bewegung schwindelig.


Die Ausrüstung für die erste Reitstunde

Du brauchst für den Anfang drei Dinge, alles andere kann warten.

Reithelm

Der einzige Punkt ohne Kompromiss. Wenn du bereits kaufst, achte auf die aktuelle Norm EN 1384:2023. Helme mit der Übergangsnorm VG1 01.040 2014-12 sind ebenfalls anerkannt und weiterhin turnierzulässig. Helme, die nur nach der zurückgezogenen alten EN 1384:1996 zertifiziert sind, gehören nicht mehr auf den Kopf. Das Prüfetikett sitzt innen im Helm, dort steht auch das Herstellungsdatum.

Zwei Dinge, die im Fachhandel oft untergehen: Kaufe keinen gebrauchten Helm – du siehst ihm einen Sturz nicht an, und die dämpfende Innenschale ist ein Einwegprodukt. Und ein Fahrradhelm ist kein Ersatz. Er ist für eine völlig andere Aufprallgeometrie konstruiert und deckt den Hinterkopf nicht ab.

Schuhe

Feste Schuhe mit glatter Sohle und einem kleinen Absatz. Der Absatz verhindert, dass der Fuß durch den Steigbügel rutscht; die glatte Sohle sorgt dafür, dass du im Notfall wieder herauskommst. Turnschuhe mit grobem Profil sind aus genau diesem Grund gefährlich. Wanderschuhe ebenso. Für die erste Stunde tun es Schuhe, die du vermutlich schon hast – Reitstiefeletten mit Chaps sind die sinnvolle erste Anschaffung, wenn du dabeibleibst.

Hose und Oberteil

Eine enge, lange Hose ohne Innennaht. Eine Leggings oder Sporthose reicht völlig; Jeans mit dicker Innennaht scheuert nach zwanzig Minuten. Oben: eng anliegend, in Schichten. Ein Reithandschuh für zwanzig Euro erspart dir brennende Handflächen – die einzige Anschaffung, die sich schon in der ersten Stunde bezahlt macht.

Was du weglässt

Schal, Kapuzenjacke mit langen Kordeln, Ohrringe, Ringe, offene lange Haare, große Schmuckstücke. Alles, was sich verfangen kann. Handy in die Jackentasche im Aufenthaltsraum, nicht in die Hosentasche – im Fall eines Sturzes willst du keinen Gegenstand zwischen Hüfte und Boden haben.


Der Ablauf: Was in den 90 Minuten passiert

1. Ankommen und Vorstellen (10 Minuten)

Du bekommst dein Schulpferd zugeteilt. Frag nach dem Namen, dem Alter und ob es Eigenheiten hat – jedes Schulpferd hat welche. Der Ausbilder zeigt dir, wo Putzzeug und Sattel liegen.

Wichtig gleich zu Beginn: Nähere dich einem Pferd nie von direkt hinten und nie geräuschlos. Sprich es an, geh von vorne-seitlich an die Schulter heran. Pferde haben genau hinter sich und direkt vor der Stirn tote Winkel. Und füttere kein fremdes Pferd ohne ausdrückliche Erlaubnis – auf vielen Höfen ist das aus gutem Grund untersagt.

2. Anbinden und Putzen (20–30 Minuten)

Angebunden wird mit einem Sicherheitsknoten, der sich unter Zug mit einem Griff öffnen lässt, und idealerweise an einer Sollbruchstelle wie einer Anbindeschlaufe. Der Strick wird nicht am Halfterring festgeknotet, und er hängt nicht so lang, dass das Pferd hineintreten kann.

Das Putzen ist kein Beiwerk. Du gehst dabei mit den Händen über das ganze Pferd und merkst, wo es empfindlich ist, ob irgendwo eine Schwellung oder eine Scheuerstelle sitzt. Die Reihenfolge in den meisten Ställen: grober Schmutz mit dem Striegel in kreisenden Bewegungen (nur auf muskulösen Partien, nicht über Knochen und Beine), dann Kardätsche in Fellrichtung, Mähne und Schweif entwirren, zum Schluss Hufe auskratzen.

Beim Hufe auskratzen arbeitest du von der Trachte in Richtung Hufspitze und sparst den Strahl – den weichen, V-förmigen Bereich in der Mitte – aus. Du stehst dabei neben dem Bein, mit dem Rücken zum Pferdekopf, niemals davor oder dahinter.

3. Satteln und Trensen (10 Minuten)

In der ersten Stunde macht das in der Regel der Ausbilder oder eine Hilfsperson und erklärt dabei. Du sollst zuschauen, nicht sofort können. Der Sattelgurt wird zunächst nur locker geschlossen und in mehreren Schritten nachgezogen – ein zu ruckartig festgezogener Gurt ist einer der Gründe, warum Pferde beim Satteln unwillig werden. Vor dem Aufsitzen prüft der Ausbilder ihn noch einmal: eine flache Hand muss zwischen Gurt und Pferd passen.

4. Aufsitzen (5 Minuten)

Traditionell wird von links aufgestiegen. In der Reitschule fast immer über eine Aufstiegshilfe oder einen Treppenblock – nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil das Aufsteigen vom Boden den Pferderücken und den Sattelbaum einseitig belastet. Der Ausbilder hält dabei das Pferd.

Danach wird die Bügellänge eingestellt. Grobe Faustregel für den Anfang: Bei hängendem Bein sollte die Bügelsohle etwa auf Höhe des Knöchels liegen. Anfänger reiten oft einen Tick kürzer, weil das mehr Stabilität gibt.

5. Die eigentliche Reiteinheit (25–45 Minuten)

Als Anfänger reitest du an der Longe – der Ausbilder führt das Pferd an einer langen Leine im Zirkel, du hast beide Hände frei. Das ist keine abgespeckte Version des Reitens, sondern die effektivste Methode, einen unabhängigen Sitz aufzubauen. Solange du dich am Zügel festhältst, um das Gleichgewicht zu halten, greifst du dem Pferd bei jedem Schritt ins Maul.

Erwarte in dieser Reihenfolge ungefähr:

  • Schritt, Sitz finden. Wo sind die Sitzbeinhöcker, wo die Schultern, wo der Blick? Du wirst hören: „Schau geradeaus" – etwa fünfzehnmal.
  • Übungen für das Gleichgewicht. Arme kreisen, Schultern rollen, Oberkörper drehen, eine Hand aufs Pferdeohr, eine auf die Kruppe. Das fühlt sich albern an und ist das Wertvollste an der Stunde.
  • Reiten ohne Bügel. Klassiker. Bringt das Bein lang und den Sitz tief.
  • Erste Trabreprisen. Meist wenige Runden im Sitzen oder Leichttraben, oft mit Halten am Sattelgriff oder Vorderzwiesel. Das ist kein Betrug, sondern Standard für Anfänger.

Galopp gibt es in der ersten Stunde nicht. Wenn ihn dir jemand anbietet, ist das kein Vertrauensbeweis, sondern schlechter Unterricht.

6. Nacharbeit (15 Minuten)

Absteigen, Bügel hochziehen, Zügel über den Kopf, Pferd abtrensen und absatteln. Falls es geschwitzt hat: trockenlaufen oder abschwitzen lassen, bevor es zurück in die Box geht. Dann noch einmal kurz putzen, Hufe kontrollieren, zurückbringen. Diese fünfzehn Minuten trennen Reitschulen, die Reiter ausbilden, von Betrieben, die Runden verkaufen.


Sieben Tipps aus der Praxis

  1. Atmen. Anfänger halten unbewusst die Luft an. Ein Pferd registriert das über Anspannung im Sitz. Zähl innerlich mit dem Schritt mit – das erzwingt Rhythmus in der Atmung.
  2. Blick auf Augenhöhe. Nicht aufs Pferdeohr, nicht auf die Hände. Der Blick zieht die Wirbelsäule mit; wer nach unten schaut, kippt vorne über und verliert das Becken.
  3. Zügel loslassen, Sattelgriff nutzen. Wenn du dich stabilisieren musst, greif an den Vorderzwiesel oder einen Sattelgriff, nie in den Zügel. Sag deinem Ausbilder ruhig, wenn du unsicher bist.
  4. Sag es, wenn dir schwindelig oder unwohl wird. Es ist völlig normal in den ersten Stunden, und niemand denkt schlecht darüber. Weiterreiten aus Ehrgeiz ist der häufigste Weg zu einem vermeidbaren Sturz.
  5. Frag nach dem Warum. „Warum soll die Ferse tief?" ist eine gute Frage. Ein guter Ausbilder freut sich darüber. Wenn die Antwort „weil ich es sage" lautet, weißt du auch etwas.
  6. Nimm Wasser mit. Es ist wärmer in einer Halle, als man denkt, und du bist konzentrierter, als du merkst.
  7. Mach dir hinterher drei Notizen. Was ging gut, was war schwierig, was war das Wort, das der Ausbilder immer wiederholt hat. Wer mit einer konkreten Frage in die zweite Stunde kommt, lernt messbar schneller.

Die häufigsten Fehler in der ersten Stunde

  • Zu spät kommen. Du verpasst den Bodenteil, und der Ausbilder startet gestresst.
  • Am Zügel ziehen, um langsamer zu werden. Als Anfänger regelst du das Tempo gar nicht – dafür ist der Longenführer da.
  • Sich festklammern. Reiten ist Ausbalancieren, nicht Klemmen. Ein festgeklemmter Reiter ist für das Pferd schwerer zu tragen und rutscht paradoxerweise leichter.
  • Vergleichen. In der Nachbargruppe galoppiert ein Zehnjähriger. Der reitet seit vier Jahren.
  • Zu viel wollen. 30 Minuten Longe sind für ungewohnte Muskulatur eine Menge. Wer eine Doppelstunde bucht, sitzt die zweite Hälfte schief.

Danach: Womit du rechnen solltest

Am nächsten Tag hast du Muskelkater – vor allem in den Adduktoren an der Innenseite der Oberschenkel und in der Rumpfmuskulatur. Nach drei bis vier Einheiten legt sich das. Kleine blaue Flecken an den Waden vom Bügelriemen sind ebenfalls normal und verschwinden, sobald das Bein ruhiger liegt.

Wenn du dabeibleiben willst: Buche die zweite Stunde direkt am selben Tag. Der Abstand zwischen den ersten Einheiten sollte höchstens eine Woche betragen, sonst fängst du jedes Mal von vorne an. Eine feste wöchentliche Zeit ist der größte Hebel für den Fortschritt – größer als jede Ausrüstung.


Häufige Fragen zur ersten Reitstunde

Wie lange dauert eine erste Reitstunde? Die Reiteinheit selbst dauert meist 30 bis 45 Minuten. Rechne mit anderthalb bis zwei Stunden Anwesenheit auf dem Hof, weil Putzen, Satteln und Versorgen dazugehören.

Was kostet eine erste Reitstunde? Für eine Longen- oder Einzelstunde liegen die üblichen Preise etwa zwischen 20 und 70 Euro, je nach Region, Dauer und Qualifikation des Ausbilders. Gruppenstunden sind günstiger, für den Einstieg aber weniger geeignet. Viele Betriebe bieten vergünstigte Schnupperstunden an.

Muss ich vorher fit sein? Nein. Ein Grundmaß an Beweglichkeit in Hüfte und Brustwirbelsäule hilft, ist aber keine Voraussetzung. Wenn du überwiegend am Schreibtisch sitzt, lohnt sich Mobilisation zwischen den Stunden mehr als jedes Krafttraining.

Kann ich die erste Reitstunde mit Angst vor Pferden machen? Ja, und du solltest es sagen. Gute Ausbilder fangen dann am Boden an: führen, putzen, Nähe aufbauen, erst danach aufsteigen. Angst vor einem 500-Kilo-Tier ist keine Schwäche, sondern eine sinnvolle Reaktion – sie verschwindet mit Kompetenz, nicht mit Überwindung.

Darf ich als Erwachsener noch anfangen? Nach oben gibt es keine Altersgrenze. Erwachsene lernen anders als Kinder – langsamer im Körper, schneller im Kopf. Such gezielt nach Reitschulen mit Erwachsenen-Anfängergruppen.

Was, wenn ich vom Pferd falle? In der Longenstunde ist das selten, weil das Pferd kontrolliert wird und im Schritt und Trab bleibt. Falls es passiert: aufstehen, durchatmen, kurz prüfen, ob alles funktioniert. Bei einem Sturz auf den Kopf wird der Helm anschließend ausgetauscht, auch wenn er unbeschädigt aussieht.