Pferd eindecken: Wann welche Decke sinnvoll ist

Pferd eindecken: Wann welche Decke sinnvoll ist

Erst verstehen, dann eindecken: Die Thermoregulation des Pferdes

Der häufigste Fehler beim Eindecken ist simpel: Wir übertragen unser eigenes Kälteempfinden auf ein Tier, das völlig anders gebaut ist.

Der Bereich, in dem ein Organismus seine Körpertemperatur ohne zusätzlichen Energieaufwand halten kann, heißt thermoneutrale Zone. Beim unbekleideten Menschen liegt sie etwa zwischen 25 und 30 Grad. Beim erwachsenen Pferd ist sie erheblich breiter – je nach Quelle, Rasse, Fellzustand und Akklimatisierung wird die Obergrenze mit rund 25 Grad angegeben, die Untergrenze irgendwo zwischen 5 Grad und deutlichen Minusgraden. Genau diese Spanne ist der Punkt: Die untere kritische Temperatur ist keine feste Zahl, sondern individuell. Ein gut genährter Isländer mit dichtem Winterfell im trockenen Offenstall liegt dort ganz woanders als ein geschorener, alter Warmblüter.

Das Winterfell selbst ist ein bemerkenswert gutes Isoliersystem: Deckhaar und wolliges Unterhaar bilden zusammen ein Luftpolster, und über kleine Hautmuskeln kann das Pferd sein Fell aufstellen und die isolierende Schicht dicker machen. Wenn im Winter der Schnee auf dem Rücken liegen bleibt, ohne zu schmelzen, ist das kein Zeichen dafür, dass das Pferd friert – es ist der Beweis, dass die Isolierung hervorragend funktioniert.

Was dieses System aushebelt:

  • Nässe. Nasses, verklebtes Fell verliert seine Luftschicht und damit den größten Teil der Isolierung. Kalter Regen ist für Pferde die deutlich unangenehmere Belastung als trockene Kälte.
  • Wind. Er bläst die warme Luft aus dem Fell heraus.
  • Eine Decke. Sie drückt das Fell platt und verhindert das Aufstellen. Ein Pferd unter einer zu warmen Decke hat kein Winterfell mehr, das es nutzen könnte.

Wie deutlich Decken die Wärme stauen, hat eine britische Untersuchung von Hodgess und Kollegen gezeigt: Verglichen mit undeckten Pferden lag die Oberflächentemperatur unter einer Ekzemerdecke im Schnitt rund 4 Grad höher, unter einer Fleecedecke etwa 11 Grad, unter einer wattierten Stalldecke knapp 16 Grad. Einige eingedeckte Pferde erreichten bei einer Außentemperatur von etwa 4 Grad Oberflächentemperaturen zwischen 24 und 30 Grad – deutlich über dem Wohlfühlbereich.

Die Schlussfolgerung daraus ist nicht „Decken sind schlecht". Sie lautet: Zu warm ist häufiger ein Problem als zu kalt.


Wann eine Decke wirklich sinnvoll ist

Es gibt klare Fälle, in denen Eindecken keine Verwöhnung, sondern notwendig ist:

  • Geschorene Pferde. Wer schert, muss eindecken – die Isolierung wurde ja gerade entfernt. Das ist keine Frage der Haltung, sondern der Konsequenz.
  • Alte Pferde. Weniger Unterhautfett, oft dünneres oder ungleichmäßiges Winterfell, häufig Zahn- oder Stoffwechselprobleme. Sie zittern seltener und ineffektiver und verlieren im Winter schneller Gewicht.
  • Kranke oder rekonvaleszente Pferde, Pferde mit schlechtem Ernährungszustand.
  • Pferde mit unzureichendem Winterfell, etwa weil sie unter Kunstlicht stehen oder aus wärmeren Regionen kommen.
  • Nasskaltes Wetter im Offenstall ohne wirklich wind- und regendichten Unterstand. Regen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt plus Wind ist die kritischste Kombination.
  • Nach dem Training, solange das Pferd feucht ist – dann aber mit einer Abschwitzdecke, nicht mit einer Winterdecke.
  • Pferde mit chronischen Problemen wie Arthrose oder Rückenbeschwerden, für die Wärme ärztlich sinnvoll ist.

Und wann eher nicht? Ein gesundes, gut genährtes, ungeschorenes Pferd mit vollem Winterfell in trockener Kälte braucht in der Regel keine Decke. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass solche Pferde Temperaturen um minus 10 bis minus 15 Grad ohne Probleme tolerieren, wenn sie trocken stehen und Zugang zu Raufutter haben.

Der wichtigste Satz zum Winter überhaupt: Raufutter ist die beste Heizung. Die Verdauung von Heu erzeugt im Dickdarm Wärme. Ein Pferd, das bei minus zehn Grad rund um die Uhr Heu zur Verfügung hat, ist besser versorgt als eines mit 300er-Decke und leerer Raufe.


Die Deckenarten im Überblick

Deckentyp Wofür Typisches Merkmal
Regen-/Outdoordecke Weide und Paddock bei Nässe wasserdicht, atmungsaktiv, ohne oder mit wenig Füllung
Winterdecke (Outdoor) kalte Außentemperaturen wasserdicht plus Füllung, meist 100–400 g
Stalldecke Box, trockene Umgebung nicht wasserdicht, wärmend, weicheres Außenmaterial
Übergangsdecke Herbst und Frühjahr 0–100 g Füllung
Abschwitzdecke nach der Arbeit, nach dem Waschen Fleece oder Wolle, transportiert Feuchtigkeit nach außen
Fliegendecke Sommer, Insektenschutz feines Netzgewebe, oft mit UV-Schutz
Ekzemerdecke Sommerekzem dicht schließend, mit Hals- und Bauchteil, meist mit Schweiflatz
Nieren-/Ausreitdecke Reiten bei Kälte liegt unter oder hinter dem Sattel über der Kruppe
Trocken-/Thermodecke Trocknen unter der Winterdecke saugt Feuchtigkeit ab, wird später entfernt

Zwei Kombinationen, die in der Praxis viel bringen: eine Regendecke ohne Füllung über einer dünnen Unterdecke – so kannst du bei Temperatursprüngen einzelne Schichten wegnehmen, statt zwischen zwei Extremen zu wechseln. Und eine Abschwitzdecke unter der Outdoordecke, wenn du ein geschorenes Pferd nach dem Reiten auf die Weide stellst; nach etwa einer halben Stunde wird sie herausgezogen.


Grammatur: Was die Gramm-Angabe bedeutet

Die Zahl auf dem Etikett – 100 g, 200 g, 300 g – gibt das Füllgewicht pro Quadratmeter an. Sie sagt etwas über die Wärmeleistung, aber nichts über die Wasserdichtigkeit.

Als grobe Orientierung für ein ungeschorenes Pferd mit normalem Winterfell, das eine Decke braucht:

Außentemperatur Füllung
über 10 °C keine Decke oder ungefüttert (0 g) als reiner Regenschutz
5 bis 10 °C 0–50 g
0 bis 5 °C 50–100 g
−5 bis 0 °C 100–200 g
unter −5 °C 200–300 g

Bei einem geschorenen Pferd liegst du in jeder Zeile etwa eine Stufe höher. Diese Tabelle ist ein Ausgangspunkt, keine Vorschrift – Wind, Nässe, Haltungsform und der Zustand des einzelnen Pferdes verschieben die Werte deutlich.

Zwei weitere Zahlen findest du auf Outdoordecken:

  • Denier (z. B. 600D, 1200D) beschreibt die Fadenstärke des Außenmaterials und damit grob die Reißfestigkeit. Für ein Pferd, das allein oder in einer ruhigen Gruppe steht, reichen 600D. Für Raufbolde und Herden mit viel Spiel sind 1200D oder mehr die bessere Investition.
  • Wassersäule (in mm) gibt an, wie viel Wasserdruck das Material aushält, bevor es durchlässt. Werte ab etwa 1.500 mm gelten als wasserdicht; für Dauerregen sind höhere Werte angenehmer. Wichtiger als der Spitzenwert ist, dass die Decke gleichzeitig atmungsaktiv ist – eine dichte, aber nicht atmungsaktive Decke macht das Pferd von innen nass.

Der wichtigste Test: die Hand unter der Decke

Alle Tabellen ersetzen nicht die einfachste Kontrolle der Welt. Schieb deine Hand unter die Decke, direkt hinter den Widerrist, und lass sie dort einige Sekunden liegen.

  • Angenehm warm und trocken: passt.
  • Kühl: Decke eventuell zu dünn – aber prüfe erst, ob das Pferd insgesamt entspannt ist. Kühle Ohren allein sind kein Frostzeichen.
  • Heiß, feucht oder gar verschwitzt: zu warm. Runter mit der Grammatur. Ein Pferd, das unter der Decke schwitzt und anschließend im Wind steht, kühlt stärker aus als eines, das nie eingedeckt war.

Mach diesen Test regelmäßig, besonders an Tagen mit großen Temperaturschwankungen. Ein typischer Fehler: Die Decke, die um sechs Uhr morgens bei minus zwei Grad passte, kocht das Pferd um vierzehn Uhr bei plötzlich zehn Grad und Sonne.

Weitere Warnzeichen für „zu warm": feuchte Stellen im Fell unter der Decke, Schuppen und stumpfes Fell, Unruhe und Scheuern an der Boxenwand.


Die richtige Größe: So misst du korrekt

Deckengrößen werden in Deutschland üblicherweise als Rückenlänge in Zentimetern angegeben, im englischsprachigen Raum in Fuß und Zoll (z. B. 6'3"). Achte darauf, welches System der Hersteller nutzt – das ist eine der häufigsten Fehlbestellungen.

So misst du: Ein Maßband vom Widerrist entlang der Wirbelsäule bis zum Schweifansatz. Manche Hersteller messen stattdessen von der Brustmitte über die Schulter bis zum Schweifansatz oder bis zur Hinterhand – lies die Größentabelle der jeweiligen Marke, statt eine Zahl von einer Marke auf die andere zu übertragen. Zwischen zwei Größen greifst du in der Regel zur größeren, besonders bei kräftig bemuskelten oder breiten Pferden.

Passform prüfen:

  • Am Hals sollte eine flache Hand zwischen Decke und Widerrist passen. Zu eng scheuert die Mähne weg, zu weit rutscht die Decke nach hinten.
  • Die Decke darf die Schulter nicht einengen. Lass das Pferd ein paar Schritte gehen und schau, ob es sich frei bewegt.
  • Bauchgurte: eine flache Hand Platz. Zu locker heißt, dass ein Bein hineingerät.
  • Beinriemen: durcheinander schlaufen (der eine durch den anderen), dann können sie nicht einzeln über das Bein rutschen. Eine Handbreit Spiel.
  • Schweifriemen oder Schweiflatz je nach Modell, ebenfalls nicht stramm.

Kontrolliere die Passform bei jedem neuen Deckenmodell und nach jedem stärkeren Gewichtswechsel des Pferdes. Scheuerstellen an Widerrist, Schulter und Brust sind das Ergebnis einer falsch sitzenden Decke, nicht eines empfindlichen Pferdes.


Pflege: Was die Decke am Leben hält

  • Waschen nur mit Spezialwaschmittel für Funktionstextilien, ohne Weichspüler. Weichspüler zerstört die Atmungsaktivität dauerhaft.
  • Imprägnierung verliert sich mit der Zeit. Nach dem Waschen neu imprägnieren, sonst wird aus der Regendecke ein Schwamm. Ein einfacher Test: Wasser auf die Decke sprühen – perlt es ab, ist alles gut; zieht es ein, ist es Zeit.
  • Vor dem Einlagern waschen und vollständig trocknen. Feucht eingepackte Decken schimmeln.
  • Risse sofort flicken. Ein zehn Zentimeter langer Riss ist nach zwei Tagen auf der Weide ein halber Meter.
  • Zwei Decken pro Kategorie sind kein Luxus, sondern Praxis: Eine hängt zum Trocknen, eine ist am Pferd.

Die fünf häufigsten Fehler beim Eindecken

  1. Nach dem eigenen Kälteempfinden entscheiden. Wenn du fröstelst, ist dein Pferd meistens noch mitten in seiner Wohlfühlzone.
  2. Zu früh im Jahr anfangen. Wer im September eindeckt, verhindert die Bildung eines vernünftigen Winterfells – und muss dann den ganzen Winter durchdecken. Die Entscheidung fürs Eindecken fällt faktisch schon im Spätsommer, weil der Fellwechsel über die Tageslänge gesteuert wird.
  3. Eine Decke für den ganzen Winter. Mitteleuropäische Winter schwanken zwischen plus zwölf und minus zehn Grad, oft innerhalb einer Woche. Zwei bis drei Grammaturen sind sinnvoller als eine dicke Decke.
  4. Nasses Pferd unter eine gefütterte Decke. Die Feuchtigkeit kommt nicht raus. Erst abschwitzen lassen, dann eindecken.
  5. Nicht täglich kontrollieren. Unter der Decke passiert vieles, was du sonst siehst: Scheuerstellen, Gewichtsverlust, Verletzungen, Hautprobleme. Nimm die Decke einmal am Tag ab und schau hin.

Häufige Fragen zum Eindecken

Ab wie viel Grad soll ich mein Pferd eindecken? Es gibt keine allgemeingültige Gradzahl, und Tabellen, die eine nennen, vereinfachen zu stark. Entscheidend sind Fell, Alter, Ernährungszustand, Haltung, Nässe und Wind. Ein gesundes ungeschorenes Pferd im trockenen Offenstall braucht oft bis in den zweistelligen Minusbereich keine Decke; ein geschorenes Pferd braucht schon bei fünf Grad plus eine.

Frieren Pferde im Winter? Nicht in dem Maß, in dem wir es annehmen. Trockene Kälte macht einem gesunden Pferd mit Winterfell wenig aus. Kritisch wird die Kombination aus Nässe, Wind und fehlendem Unterstand – und ein leerer Magen. Kalte Ohren allein sind kein Beweis dafür, dass ein Pferd friert.

Muss ich mein Pferd eindecken, wenn es geschoren ist? Ja. Beim Scheren entfernst du die Isolierung; das Eindecken ist der zwingende zweite Teil derselben Entscheidung. Wie stark, hängt von der Schurart ab: Eine reine Halsschur braucht deutlich weniger als eine Vollschur.

Kann eine Decke bei Regen auf der Weide bleiben? Nur eine wirklich wasserdichte Outdoordecke mit intakter Imprägnierung. Eine durchweichte Decke ist schlechter als gar keine, weil sie das Fell platt drückt und gleichzeitig nass hält.

Welche Decke brauche ich nach dem Reiten? Eine Abschwitzdecke aus Fleece oder Wolle. Sie transportiert die Feuchtigkeit vom Fell nach außen. Erst wenn das Pferd vollständig trocken ist, kommt die Stall- oder Outdoordecke darüber.

Was ist der Unterschied zwischen Stalldecke und Outdoordecke? Die Stalldecke wärmt, ist aber nicht wasserdicht und hat oft ein weicheres Außenmaterial. Die Outdoordecke ist wasserdicht, winddicht und aus robusterem Gewebe. Eine Stalldecke draußen im Regen ist der schnellste Weg zu einem durchnässten, frierenden Pferd.

Was bedeutet die Denier-Angabe? Sie beschreibt die Stärke der Fasern im Außenmaterial und damit die Robustheit. 600D reicht für ruhige Pferde, ab 1200D wird es deutlich reißfester – sinnvoll in lebhaften Herden.

Wie messe ich die Deckengröße richtig? Vom Widerrist entlang der Wirbelsäule bis zum Schweifansatz, in Zentimetern. Vergleiche das Ergebnis immer mit der Größentabelle des jeweiligen Herstellers, da die Messmethoden zwischen Marken abweichen.